Aktuell

Ein Jahr im Amt



Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch ist nunmehr ein Jahr im Amt. Was hat ihn und die Bürgerinnen und Bürger in dieser Zeit besonders bewegt? Die Gemeindeverwaltung hat die Themen gesammelt und blickt gemeinsam mit dem Bürgermeister zurück auf ein bewegtes erstes Amtsjahr.

Herr Paulowitsch, Sie sind jetzt zwölf Monate im Amt. Seit ganzen neun Monaten begleitet Sie das Thema Corona mit all seinen Herausforderungen.


Ja, das war ein unerwartet spannendes Jahr in einem tollen Beruf. Corona hat viel überschattet und viele Ressourcen gebunden, aber wir haben wirklich vieles geschafft und bewältigt. Wir, das sind die Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung und in den vielen kommunalen Einrichtungen und natürlich auch die politischen Vertreterinnen und Vertreter.

Die Krise ist zum Normalzustand geworden. Was bedeutet das für die Gemeinde?


Corona bedeutet bis heute Mehraufwand quer durch alle Ämter hinweg und als Bürgermeister ist man stets involviert: Beispielsweise war das Hauptamt bei der Beschaffung von Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln sowie als Schulträger gefragt. Das Ordnungsamt ist bei der Aufstellung von Hygienekonzepten, der Überwachung der einzuhaltenden Regelungen, aber auch bei der aufwendigen Kontaktnachverfolgung eingespannt. Das Sozialamt musste erst die Notbetreuung, dann die erweiterte Notbetreuung nach dem „Kernener Modell“ und schließlich den Kita-Betrieb unter Pandemie-Bedienungen stemmen. Das Bauamt muss nach wie vor sicherstellen, dass unsere technischen Betriebe nicht ausfallen und die Kämmerei war gezwungen, in finanziell sehr unsicheren Zeiten den neuen Haushalt zu erarbeiten und das Geld zusammenzuhalten. Vergessen dürfen wir auch unsere eigene Sozialstation nicht, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonderen körperlichen und mentalen Belastungen ausgesetzt sind. Auch insgesamt mussten wir unsere Arbeit umstellen mit neuer Technik, Videokonferenzen oder Schichtbetrieben. Das alles muss laufend organisiert und immer wieder umgestellt werden. Unser Sonderstab arbeitet bis heute.
All das kommt noch immer on top zu den normalen Sachthemen.

Die Corona-Auflagen haben die Vereine, aber auch den lokalen Einzelhandel und die Gastronomie hart getroffen.


Das stimmt. Wir haben deshalb zeitnah reagiert und für die Vereine zusammen mit der Bürgerstiftung Kernen ein Hilfsprogramm aufgelegt mit der Gesamtsumme von 45.000 Euro.
Auch für unserer Einzelhändler, Gastronomen und Winzer machen wir uns stark. Bereits im März haben wir die übergreifende Hilfe-Plattform #kernenhältzusammen ins Leben gerufen. Hier finden die Bürger beispielsweise Liefer- und Abholservices, auch Gutscheine können erworben werden.
Weiterhin wollen wir unsere lokalen Betriebe mit speziellen Gutscheinboxen unterstützen. Firmen und Privatleute investierten in dieses Modell bislang rund 30.000 Euro. Davon steuerten wir als Gemeinde 10.000 Euro aus der kommunalen Wirtschaftsförderung bei. Die erworbenen Gutscheine haben wir in großen Teilen wieder den Vereinen für verdiente Ehrenamtliche zur Verfügung gestellt.

Wie stand es um die politische Meinungsbildung und den Austausch mit den Bürgern in der Corona-Zeit?


Das ist uns beides meines Erachtens gut gelungen. Wir haben in den vergangenen Monaten besonders viel Wert auf eine frühzeitige Informationen gelegt, um unser Handeln so transparent wie möglich zu halten – das gilt für den Gemeinderat ebenso wie für die Bürgerschaft. Wir haben unsere Gremiensitzungen gekürzt und sie in größere Säle verlegt, um stets in Präsenz tagen zu können. Nebenbei habe ich durch Videos, aber auch durch Briefe und Appelle versucht, möglichst viele Menschen im Ort zielgenau zu erreichen.

Der Umgang miteinander ist Ihnen besonders wichtig – auch im Gemeinderat


Als Bürgermeister bin ich für ein neues Diskussionsklima und nachvollziehbare Entscheidungen angetreten. Im Gemeinderat arbeiten wir sehr konstruktiv zusammen. Hier ist ein neues Miteinander zu spüren. Auch gegenüber der Bevölkerung versuchen wir intensiv zu kommunizieren und Sachverhalte zu erklären. Ich versuche bestmöglich ansprechbar zu sein. Es ist aber klar, dass uns und auch mir an dieser Stelle mal Fehler passieren. Das ist eine Daueraufgabe. Generell bin ich jedoch jemand, der nicht müde wird die Menschen daran zu erinnern, dass Zusammenhalt wichtig ist. Dafür trägt jeder und jede Verantwortung. Diese Botschaft will ich beibehalten!

Bedeutet Corona, dass in diesem Jahr beinahe alle anderen Projekte liegen geblieben sind?


Überhaupt nicht! Natürlich hat vor allem der Lockdown im Frühjahr viel verzögert. Denn viele Projektpartner wie Architekten, Ingenieure, Produktanbieter und selbst Bauunternehmen waren ja ebenfalls von Einschränkungen betroffen. So wurde der Bikepark erst im Herbst eröffnet, da das beauftragte Bauunternehmen ein Reiseverbot hatte.
Dennoch sind unsere aktuellen Großprojekte gut vorangekommen. Im Frühjahr wurde mit dem Bau des generationenübergreifende Projekts „Seestraße“ mit Sozialstation, Tagespflege, Kita und Schülertreff unter einem Dach begonnen. Bis Jahresende wird der Rohbau fertig sein.
Die Sanierung und der Umbau des Kinderhauses Pezzettino laufen reibungslos – wir dürfen uns hier auf ein wirklich gelungenes Projekt freuen.

Jetzt haben Sie die Hangweide gar nicht erwähnt.


Auch hier sind wir trotz Krise gut und vor allem entscheidend vorangekommen. Wir haben den städtebaulichen Wettbewerb wegen Corona nach hinten geschoben und damit eine hohe Qualität gesichert. Der Siegerentwurf ist in allen Belangen überzeugend. Er ist innovativ, passt zu unserer Gemeinde und ist zugleich wirtschaftlich vernünftig. Mit digitalen Bürgerdialogen haben wir die erfolgreiche Bürgerbeteiligung anders als geplant, aber dennoch erfolgreich fortführen können.

Gibt es ein Projekt, das in diesem Jahr besonders gut gelaufen ist?


Ein wenig stolz bin ich auf das, was uns beim Breitbandausbau in den Gewerbegebieten gelungen ist. Mit dem Ausbau in einem Fördergebiet Ende des vergangenen Jahres ist hier der Startschuss gefallen. Die Zusammenarbeit mit der Netcom ist sehr gut gelaufen. Vor allem konnten wir für Betriebe, die nicht im Fördergebiet lagen durch Gespräche mit den Telekommunikationsanbietern gute Konditionen aushandeln. Dass wir im Frühjahr 2020 aber auch die Telekom davon überzeugen konnten, die restlichen Gebiete eigenwirtschaftlich auszubauen und das innerhalb von diesem Jahr, ist etwas Besonderes. In wenigen Wochen werden die Gewerbegebiete vollständig an das schnelle Internet angebunden sein.

Bei der Gemeinderatsklausur vor wenigen Wochen haben Sie die Devise ausgegeben: „Pflicht statt Kür“. Was bedeutet das für neue Projekte?


Themen wie Kinderbetreuung, moderne Schulen und eine moderne Infrastruktur nehmen künftig einen größeren Stellenwert ein. Das beginnt bei den barrierefreien Bushaltestellen, die wir derzeit in Rommelshausen und Stetten bauen. Außerdem errichten wir weitere E-Ladesäulen in beiden Ortsteilen errichten. Auch weitere Paketstationen werden wir erhalten und bei der Post in Stetten deutet sich eine langfristige und vor allem nachhaltige Lösung an, die wir hoffentlich in einigen Wochen bekanntgeben können.

Dringenden Handlungsbedarf haben wir der sanierungsbedürftigen Haldenschule, die mir ja auch im Wahlkampf ein großes Anliegen war. Hier geht es nicht nur um den schlechten Zustand, sondern auch darum, wegen dem Bevölkerungswachstum durch die Hangweide die Vierzügigkeit zu ermöglichen. Hier sind wir einen Riesenschritt weitergekommen: Wir haben Anfang 2020 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben und viele Workshops und Gespräche mit Beteiligten durchgeführt. Die Ergebnisse haben wir dem Gemeinderat in einer Klausur präsentiert. In der Umsetzung, die nach Modulen gestaffelt, erfolgen soll, wird es sowohl kurzfristige als auch mittel- und langfristige Bausteine geben. Dieses Projekt ist nach der Hangweide das mit Abstand größte Investitionsvorhaben und wird uns mehrere Jahre begleiten. Der Startschuss wird in der letzten Gemeinderatssitzung im Dezember gegeben. Aber auch viele „Brot und Butter-Themen“ aus der Vergangenheit rufen noch nach Lösungen.


Wie ist der Stand bei Konzepten wie „Leben im Alter“?


Für den Fortbestand des Haus Edelberg sieht es wirklich sehr gut aus. Hier geht es nur noch um Detailfragen. Die Diakonie Stetten hat ihre Pläne eines eigenen Pflegeheims untermauert, allerdings ist dieser Prozess coronabedingt und verständlicherweise etwas ins Stocken geraten. Unsere in Auftrag gegebene Konzeption zum Leben im Alter ist ausgearbeitet. Nur noch der Runde Tisch mit Beteiligten in der Seniorenarbeit steht noch aus. Dieser wird im neuen Jahr aber noch nachgeholt.


Das digitale Rathaus ist auch eines Ihrer großen Anliegen


Ja, sowohl was die Ratsarbeit und Information als auch den Dienstleistungsservice für die Bürgerinnen und Bürger betrifft: Das Ratsinformationssystem ging im Frühjahr online, seitdem sind große Papierberge Vergangenheit und die Bürgerschaft kann sich umfassend zu den anstehenden Ratssitzungen informieren. Unsere Gemeinde-Homepage wird demnächst überarbeitet, um den Standards der Barrierefreiheit zu entsprechen. Das bedeutet unter anderem eine einfache Bedienbarkeit und Verständlichkeit. Ebenso soll die neue Seite auch ein Online-Dienstleistungsportal erhalten, damit wir den Bürgerinnen und Bürgern unsere Verwaltungsleistungen leichter zugänglich machen. Online ausfüllbare Formulare und erste nutzbare volldigitale Prozesse müssen in der Zukunft selbstverständlich sein.

 
Auch die Weiterentwicklung der Jugendarbeit war eines ihrer Wahlkampfthemen. Wie ist hier der aktuelle Stand?


Corona hat die Planungen einer verstärkten Jugendbeteiligung ausgehebelt. Großteils konnten die Sozialarbeiter im Frühjahr und Frühsommer nur digital mit den Jugendlichen Kontakt halten. Im Hintergrund haben wir jedoch die Konzeption unserer Jugendarbeit gestärkt – wir haben im Zuge eines Förderprojekts eine weitere Stelle geschaffen, die die Gemeinde lediglich zehn Prozent mehr Kosten verursacht. Hier müssen wir dran bleiben. Toll war, dass wir im Sommer, trotz Corona, ein Kinderferienprogramm anbieten konnten, das rege genutzt worden ist.


Wird es denn gar keine Projekte mehr im Bereich der Kür geben?


Selbstverständlich werden wir weiterhin mit viel Leidenschaft am kulturellen Leben in der Gemeinde arbeiten. Wir sind nah dran an einer tollen Lösung für die ehemalige Sparkasse in Stetten und zwar ohne nennenswert Steuergelder zu verwenden. Auch das Thema Sängerheim sind wir im Hintergrund bereits mit Planungen angegangen. Hier gilt aber mein Grundsatz, dass Zurückhaltung meist besser ist als das Vorpreschen. Das ist vielleicht weniger spektakulär und hat nicht selten falsche Gerüchte zur Folge. Wir suchen aber stets nach Lösungen, die umsetzbar, vernünftig und langfristig erfolgreich sind.


Sicherlich gibt es in den zwölf Monaten ihrer Amtszeit auch Dinge, die bei Ihnen Unverständnis hervorgerufen haben, oder nicht?


Ja, in der der Tat. Es ist für mich mitunter unfassbar, was die Kolleginnen und Kollegen teilweise an Beleidigungen erleben. Das reicht vom Vollzugsbeamten und dem Bauhofmitarbeiter bis hin zur Sachgebiets- und Amtsleitung. Damit kein Missverständnis aufkommt: Der weitaus größte Teil unserer Bürgerschaft ist freundlich, verständnisvoll, hält sich an Regeln und sorgt für ein harmonisches Miteinander. Doch für einen kleinen Teil hat das „Ich“ leider mehr Priorität als das „Wir“.

Wie lautet Ihr persönliches Fazit nach zwölf Monaten Kernen?


Ich darf sagen, dass meine Frau und ich uns rundum wohl fühlen in Kernen. Auch privat war das vergangene Jahr ja ein durchaus bewegtes – mit Heirat, Hauskauf und Umzug. Wir kommen immer mehr in Kernen an!
Was mich sehr freut ist, dass ich von Seiten der Bürgerschaft viele positive Rückmeldungen für meine Arbeit erhalte. Die betrifft auch meine Kommunikation über die sozialen Medien – obwohl ich hier schon anmerken muss, dass ich diese zur Information rege nutze, ihnen aber gleichwohl auch kritisch gegenüber stehe. Viel zu oft handelt es sich eher um asoziale Medien, die den Eindruck einer Dauerempörung vermitteln. 

Haben Sie Wünsche für 2021?


Sicherlich, dass wir wieder in einen Normalzustand zurückfinden. Ebenso wünsche ich mir, dass wir das Positive aus der Krise mitnehmen: Dass Gesundheit wichtiger ist als Geld. Dass wir innovativ bleiben müssen. Aber auch, dass wir selbstverständlich Geglaubtes künftig mehr wertschätzen.


Bürgeremeister Benedikt Paulowitsch