Wer am Werksgelände am Ortsrand von Stetten vorbeifährt, sieht ein unscheinbares Gebäude und ab und zu einen Lastwagen. Was dahinter liegt, kennen die wenigsten in Kernen: Produktionshallen, ein weitläufiger Lagerplatz und ein Abbaugelände, dessen Ausmaß die meisten Besucher überrascht. „Kaum einer vermutet das hier“, sagen Jörg und Jochen Bayer, die Geschäftsführer der E. Bayer Baustoffwerke.
Drei Jubiläen fallen in diesem Jahr zusammen. Vor 150 Jahren begann die Firmengeschichte als Fuhrmannsbetrieb in Esslingen, der mit Pferdefuhrwerken Sand und Kies auf die Baustellen brachte. Vor 70 Jahren wurde dem Großvater der heutigen Geschäftsführer ein bestehender Sandbruch auf Stettener Seite zur Übernahme angeboten, Lage und Sandvorkommen gaben den Ausschlag. 1966 ging dort das Kalksandsteinwerk in Betrieb. Bis heute wird der Stubensandstein im Steinbruch gewonnen, gelegentlich mit Lockerungssprengungen, wenn die Hydraulikbagger nicht weiterkommen. Je nach Nachfrage reicht das Vorkommen nach Einschätzung des Unternehmens noch einige Jahrzehnte.
Aus Sand, Kalk und Wasser entstehen Kalksandsteine, die überwiegend im Wohnungsbau landen, in zahlreichen Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäusern in Stetten und der Region. 82 Menschen beschäftigt das Unternehmen, 32 davon am Standort Stetten, fünf von ihnen wohnen in Kernen. Drei Auszubildende lernen derzeit die Berufe Baugeräteführer sowie Maschinen- und Anlagenführer.
Für die Gemeinde ist das Werk mehr als ein Gewerbebetrieb. Hier wird ein Rohstoff aus Kernener Boden vor Ort verarbeitet, die Wertschöpfung bleibt in der Region. Bürgermeister Benedikt Paulowitsch war im Jubiläumsjahr mehrfach auf dem Gelände: im Mai gemeinsam mit dem Gemeinderat, im August mit dem Sommerferienprogramm der Gemeinde, dazwischen zum Austausch mit den beiden Geschäftsführern. „Ein Familienunternehmen, das seit 70 Jahren in Stetten produziert, hier ausbildet und Verantwortung für seine Flächen übernimmt, ist für Kernen keine Selbstverständlichkeit“, sagt Paulowitsch. Das soll so bleiben: „Wir freuen uns, dass wir den Pachtvertrag für den weiteren Abbau verlängern werden. Die Arbeiten daran laufen bereits.“
Beim Ferienprogramm am 4. August stellten sich 14 Kinder und Jugendliche den Steinbruch-Challenges: Sie saßen selbst am Steuer eines Baggers, hämmerten, buddelten und bauten ihr Traumhaus aus Mini-Kalksandsteinen.
Dass ein Betrieb mit Steinbruch und Lkw-Verkehr für die Nachbarschaft „auch eine Art Belastung“ darstellt, „welche verständlicherweise nicht immer zu Begeisterung führt“, verschweigen die Bayers nicht; man versuche, sie so gering wie möglich zu halten. Das Verhältnis zu Stetten und zur Gemeinde beschreiben sie als partnerschaftlich und von gegenseitigem Verständnis geprägt. Paulowitsch bestätigt das: „Wir reden offen miteinander, auch wenn es um Lärm oder Verkehr geht. Genau so muss das zwischen Gemeinde und Unternehmen laufen.“
Sichtbar wird die Verantwortung auf den abgebauten Flächen. Sie werden aufgefüllt, rekultiviert und aufgeforstet und dienen Tier- und Pflanzenarten als Trittsteine. Auf dem Gelände hat sich zum Beispiel die Kreuzkröte angesiedelt. „Sie fühlt sich einfach wohl bei uns“, sagen die Geschäftsführer.
Ungetrübt ist die Stimmung im Jubiläumsjahr trotzdem nicht. Hohe Energie- und Rohstoffpreise und der seit Jahren schwache Wohnungsneubau setzen dem Betrieb zu, obwohl der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum unverändert hoch ist. Die Geschäftsführung wünscht sich verlässliche Förderprogramme für den Wohnungsbau. „Der Standort Stetten ist bereit für mehr Wohnbau.“
Wer sich selbst ein Bild machen will, hat am Samstag, 19. September, Gelegenheit dazu. Zu jeder vollen Stunde starten Werksführungen vom Sand bis zum fertigen Stein. Dazu kommen Baggerfahren, Torwandschießen mit Kalksandstein und Maschinenvorführungen. Der Musikverein Stetten spielt am Vormittag, das Schützenhaus Stetten sorgt für die Verpflegung. Das Unternehmen rechnet mit rund 1.000 Gästen.